Kulturgeschichte unseres Kalenders


Prolog

Wäre heute  der 2. Oktober 2013 im Gregorianischen Kalender, dann

  •   wäre in der russisch-orthodoxen Kirche der 19. September 2013
  •   hätten wir im Kalender der Französischen Revolution den 9. Vendémiaire 222
  •   wäre im Islam der 27. Dha l-Kada 1434
  •   feierten die Juden den 28. Tischrei 5774

Die Namen des betreffenden Tages (das "Datum") ergeben sich aus dem Kulturkreis, in dem sie gelten. Diese Namen weisen keinerlei Verwandtschaft zueinander auf. Das Einzige, was sie verbindet, ist:
Alle Namen sind eindeutige Bezeichnungen für einen bestimmten Tag in der Geschichte oder Zukunft der Menschheit. Mittels eines Kalenders kann man für einen bestimmten Tag seine Bezeichnung berechnen oder aus der Bezeichnung eines Tages seinen relativen zeitlichen Abstand zu einem anderen Tag berechnen. Grundlage jedes Kalenders sind naturgegebene Vorgänge oder Erscheinungen, die sich immer mit der gleichen Periodizität wiederholen (Sonnenauf- und Untergang, Mondänderungen, die Jahreszeiten, das Hochwasser des Nils [im Altertum]). Nach dem Gesagten hängt die Genauigkeit des Kalenders von der Beobachtungsgüte der Vorgänge ab und allgemein von den astronomischen Kenntnissen, wie sie Bestandteil der betreffenden Kultur sind. Im folgenden wird unser Alltagskalender zugrunde gelegt, der Gregorianische Kalender.

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Zeit

Wir wissen nicht, wann unsere stammesgeschichtlichen Vorfahren erkannten, dass sich alle Ereignisse ihres harten täglichen Überlebenskampfes in und vor einem Hintergrund abspielen, der nicht greifbar erscheint. Dieser Hintergrund ist das rätselhafte Phänomen der Zeit. Diese Erkenntnis unserer stammesgeschichtlichen Vorfahren fiel wahrscheinlich zusammen mit der Erkenntnis des Sich-seinerselbst-Bewusstseins, zeitlich anzusetzen wohl irgendwann vor mehr als einer Million Jahren, je nachdem, wann man den Stammbaum des Homo sapiens beginnen lässt. Nach menschlichem Empfinden verfließt die Zeit, und zwar immer in einunddieselbe Richtung. Deshalb können Ereignisse in der Zeit hintereinander geordnet werden, z. B. auf das Gestern folgt das Heute, danach kommt das Morgen. Die Gegenwart hat eigentlich keine reale Existenz, sondern sie ist lediglich die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Der Begriff der Zeit kann sehr unterschiedlich definiert werden, je nach Kontext oder Perspektive. Im Zusammenhang des Kalenders machen wir uns die physikalisch-naturwissenschaftliche Perspektive zu eigen.


Zeit
  • Die Zeit fließt immer in dieselbe Richtung.

  • Ereignisse können in der Zeit geordnet werden:
    vorherblue arrow jetztblue arrowspäter
    gesternblue arrow heuteblue arrowmorgen

  • Die Gegenwart lässt sich nur als Grenze bestimmen zwischen dem
    Nicht-mehr - das ist die Vergangenheit und dem
    Noch-nicht - das ist die Zukunft.

  • "Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur
    gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand."
    (Isaac Newton, 1643-1727)

Isaac Newton, der Begründer der wissenschaftlichen Physik, beschrieb die Eigenschaften der Zeit, wie er sie seiner Physik zugrunde legte. Danach fließt die Zeit dahin, weil es ihr Wesen ist. Sie fließt gleichförmig, also nicht einmal schnell, dann wieder langsam, und sie kann auch nicht durch irgendeine Weise beeinflusst werden. So erleben wir im gemeinen Alltag die Zeit.
Immanuel Kant (1724-1804) meint: "Es ist also ungezweifelt gewiss, dass Raum und Zeit als die notwendigen Bedingungen aller äußeren und inneren Erfahrungen bloß subjektive Bedingungen aller unserer Anschauungen sind."
Als Fußnote sei vermerkt:
Im Lichte von Einsteins spezieller Relativitätstheorie muss Newtons Ansicht modifiziert werden. Aber im Zusammenhang mit Kalenderbetrachtungen und der Alltagsphysik ist Newtons Zeitauffassung zutreffend und richtig.

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Zeiteinheiten

Wie kann sich der Mensch in diesem gleichförmigen Strom der Zeit zurechtfinden?
Nun, indem er immer wiederkehrende, regelmäßige Zeitabschnitte oder Ereignisse, die er in der Natur vorfindet, einfach aneinanderreiht und durchnummeriert.
Dafür bieten sich periodische Ereignisse an - meist astronomische am Himmel -, die sich sichtbar für jeden Menschen immer wiederholen. z. B.:
- der Sonnenauf- und -untergang oder
- die Mondphasen, die sich nach ungefähr 29 ½ Tagen wiederholen
- die Jahreszeiten oder
- andere Ereignisse, die sich jedes Jahr wiederholen, z. B. die Überschwemmung des Nils im alten Ägypten.
Die uns geläufigen Zeiteinheiten sind alle von astronomischen Ereignissen abgeleitet.


Zeiteinheiten
  • Die dem Menschen von Natur aus gegebene Zeiteinheit ist der Tag.

  • Weitere natürliche Zeiteinheiten sind der Mondmonat und das Sonnenjahr.

  • Die Länge eines Mondmonats beträgt:
    29,5306 Tage = 29 d + 12 h + 44 m + 4 s

  • Die Länge eines Mondjahres aus 12 Mondmonaten beträgt:
    354,3672 Tage = 354 d + 8 h + 48 m + 46 s

  • Die Länge eines (tropischen) Sonnenjahres beträgt:
    365,2422 Tage = 365 d + 5 h + 48 m + 46 s

Erläuterungen
Mondmonat: Die Länge eines synodischen Monats (synodisch: auf die Stellung von Sonne/Erde bezogen).
Jahr: Die Länge eines tropischen Jahres (tropisch: auf den Frühlingspunkt [Äquinoktium, (Frühlings-) Tag und Nachtgleiche] bezogen).
d: = Tag, m: = Minute, s: Sekunde


Die dem Menschen von Natur aus gegebene Zeiteinheit ist der Tag, also die Zeitspanne von einem Sonnenaufgang bis zum nächsten. Weitere natürliche Zeitlängen sind Mondmonat und Jahr. Ihre zeitliche Längen finden Sie sekundengenau in dem obigen Kasten.
Die Länge eines Mondmonats beträgt 29½ Tage und 44 Minuten.
Die exakte Länge des Jahres ist 365 Tage und 5 Stunden und 48 Minuten.
Als Randbemerkung sei hinzugefügt: Es ist wirklich nur ein Zufall und es hat keine tiefere Bedeutung, dass im tropischen Jahr und im Mondjahr der „Rest“ von 48 m und 46 s, der über die Tage hinausgeht, in beiden Fällen identisch ist.
Mit einer einfachen Schaltjahrregelung - jedes 4. Jahr ist ein Schaltjahr - erhält man eine durchschnittliche Jahreslänge von 365 Tagen und 6 Stunden. Ein Kalenderjahr mit dieser Schaltjahrregelung ist damit ca. 11 Minuten zu lang.
Das war das Problem des Julianischen Kalenders. Wir werden das später genauer betrachten.
Mit diesen Zeitmaßen, die auf astronomischen Gegebenheiten basieren, hat die Menschheit seit alters her die Zeit strukturiert. Sie sind die Grundlage jedes Kalenders.
Es ist nicht einfach, mit diesen krummen und sperrigen Zahlen einen einfachen Kalender zu bauen. Denn weder die Monats- noch die Jahreslänge ist ein ganzzahliges Vielfaches des Tages. Und auch die Jahreslänge ist kein ganzzahliges Vielfaches der Mondmonatslänge. Aus diesem Umstand ergeben sich in der Zeitrechnung viele Kombinationsmöglichkeiten dieser Zahlen und - daraus resultrierend - viele Einteilungsmöglichkeiten des Jahres, die zu den unterschiedlichen Kalendern führen.
Der gestirnte Himmel über uns ist offenbar nicht im Hinblick auf uns Menschen und auf unsere Kalenderbedürfnisse geschaffen worden.

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Kalender

Was war im langen Weg des kulturellen Aufstieges der Menschheit der Anlass zur Erfindung und Einführung eines Kalenders?
Dem Jäger und Sammler reichen zur Zeitorientierung die Bestimmungen gestern, heute, morgen. Er lebt von der Hand in den Mund. Die tägliche Nahrungssuche erfüllt sein Leben. Der Lebenskampf ist hart. Der Planungshorizont liegt immer ganz nahe an der Gegenwart. Dies ändert sich grundlegend mit der „Erfindung“ des Ackerbaus vor ca. 10.000 Jahren und der Dorf- und Städtebildung im Nahen Osten. Genannt seien beispielhaft Jericho und das Zweistromland Mesopotamien zwischen Euphrat und Tigris im heutigen Irak.


Kalender
  • Dem Jäger und Sammler reichen zur Zeitorientierung die Zuordnungen:
    gestern blue arrow heute blue arrow morgen

  • Der sesshafte Mensch in Siedlungen und Städten sieht die Notwendigkeit, größere Zeiträume überschauen zu müssen, um sie zu strukturieren und in ihnen zu planen.

  • Kalender: Die Einteilung großer Zeitabschnitte mit Hilfe astronomisch definierter natürlicher Zeiteinheiten (Tag, Monat, Jahr).

  • "Kalender" von griechisch "kaleín" d.h. ausrufen

Der sesshafte Mensch in Siedlungen und Städten muss vorausschauen und planen.
Er erkennt die Notwendigkeit, größere Zeitabschnitte überschauen zu müssen und er muss die richtigen Zeitpunkte im Jahresablauf erkennen und festsetzen, z. B. für die Aussaat. Dafür erfindet er den Kalender. Um ihn aufzubauen, muss der Himmel sorgfältig beobachtet werden. Das Beobachtete muss in Regeln festgehalten werden. Es entwickeln sich Astronomie und Mathematik. Wegen dieses Zusammenhanges kann man die Astronomie als die älteste Wissenschaft bezeichnen, und ein zuverlässiger Kalender steht im Mittelpunkt ihres Interesses.
Der Kalender war in allen Kulturen nicht nur eine zuverlässige zeitliche Einteilung des Jahres, sondern er war auch immer Gegenstand des Kultes und mit religiösen Vorstellungen verbunden. Die Basis des Kalenders, die Beobachtung der periodischen Himmelserscheinungen, stehen im Prinzip jedem zur Verfügung, aber nicht jeder weiß, sie richtig zu deuten. Es bildet sich ein Herrschaftswissen aus, das aus naheliegenden Gründen mit religiösen überzeugungen und Mythen verschmilzt.

Das Wort „Kalender“ kommt aus dem Griechischen über das Lateinische in unseren Sprachgebrauch. Das Wort kaléin bedeutet im Griechischen „ausrufen“. Im Römischen Reich rief der Pontifex - der Oberpriester - den Monatsanfang, genannt die Kalendae und die Monatsmitte, die Iden, öffentlich auf dem Markplatz, dem forum romanum, aus. Daher der Name Kalender. Und damit sind wir bei unserem ersten Kalender, dem alten Römischen Kalender.

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Römischer Kalender

Der alte Römische Kalender galt bis zu den Zeiten von Gaius Julius Caesar, der ihn wesentlich reformierte. Caesars Kalender werden wir uns anschließend ansehen.


Der Römische Kalender
  • Ursprünglich ein Mondkalender, später dann ein luni-solarer Kalender
  • Kalendae 1 Nonae 5 Idus 13 bzw. 15
  • Nonae, Idus bei Mar, Mai, Quint: 5 bzw. 15
  • Tagesnummer durch Rückwärtszählung vom
    nächsten festen Monatstag (Kal, Non, Idus)
  • Beispiel Tagesnummer: Der 26. Januar ist der
    der fünfte Tag vor den Kalenden des Februars
    "ante diem quintum Kalendas Februarias" [a.d.V.Kal.Feb.]
  • Schalttage und Schaltmonate zur Anpassung des Mondjahres an das Sonnenjahr
    (aber nicht systematisch und konsequent)
  • Bis zum Jahre 153 v. Chr. begann das Jahr mit dem
    Martius, danach am 1. Januar, dem Amtsantritt der
    beiden Konsuln.

Römische Monate
Martius
Aprilis
Maius
Iunius
Quintilis
Sextilis
September
October
November
December
Ianuarius
Februarius
                blue arrow
 
 (bis 153 v. Chr.)
 31  (Kriegsgott)
 29  (Name unklar)
 31  (Göttin)
 29  (Iuno)
 31  (der 5.)
 29  (der 6.)
 29  (der 7.)
 29  (der 8.)
 29  (der 9.)
 29  (der 10.)
 29  (doppelköpfig)
 29  (Sühnefest)
354 Tage

Der alte römische Kalender, also vor Caesars Zeit, war wohl ursprünglich ein reiner Mondkalender, der aber aus praktischen Gründen in einen luni-solaren Kalender verbessert wurde. Denn die Jahreszeiten, und damit das tägliche Leben der Menschen, hängen vom Lauf der Erde um die Sonne ab (Jahreszeiten) und nicht von den Mondphasen. Mit dem luni-solaren Kalender wurde versucht, einen Mondkalender, basierend auf 12 Mondmonaten, in einen Sonnenkalender , basierend auf der Zeit eines Erdumlaufes um die Sonne, zu integrieren. Technisch geschah dies durch Einfügen geeigneter Schalttage oder durch Einschieben eines ganzen Mondmonates. Das Mondjahr aus 12 Mondmonaten war 354 Tage lang, also 11 Tage kürzer als das Sonnenjahr. (Wieder die Zahl "11", die uns den Bau eines einfachen Kalenders erschwert.) Das Jahr 1 war das sagenhafte Jahr der Gründung Roms. Bis zum Jahr 153 v. Chr. begann das Jahr mit dem Neumond im Monat Martius. Das ist unser Monat März. Nach dem Jahre 153 v. Chr. begann das Jahr am 1. Januar, dem Amtsantritt der beiden Konsuln.

Die meisten Monatsnamen sind uns wohlbekannt; lediglich der Quintilis, der fünfte Monat, und der Sextilis, der sechste Monat, sind uns fremd. Wir kennen sie als Juli und August. Der Martius, mit dem das Jahr ursprünglich begann, ist nach dem Kriegsgott Mars benannt. Die Deutung des Namens Aprilis ist unsicher. Der Name könnte sich ableiten von apricus, sonnig, oder aperire, öffnen - ein Hinweis auf den Blütenmonat. Maius leitet sich von der alten römischen Göttin Maia ab, der am 1. Mai geopfert wurde. Iunius ist benannt nach Juno, der Gemahlin des Jupiters, des höchsten römischen Gottes. Die Namen Quintilis bis December geben einfach die Nummer des Monats an, von fünf bis zehn. Wir sehen, im alten römischen Kalender trugen die Monate September, October, November, December ihre Namen zu recht. Januarius, der vorletzte Monat im Jahr, war benannt nach Janus, dem doppelköpfigen Gott des Ein- und Ausganges. Jahresende im ursprünglichen römischen Kalender war der Februarius, benannt nach dem Reinigungsfest in diesem Monat.

Es fällt die ungewöhnliche Festsetzung der Monatslängen auf. Sie erinnern sich noch an die Länge des Mondmonats von durchschnittlich rund 29½ Tagen, die gut und recht elegant mit einem monatlichen Wechsel von 29 und 30 Monatstagen erreicht werden kann. Aber es gibt keinen Monat von 30 Tagen. Warum? Nun, die Zahl 30 ist eine gerade Zahl, und gerade Zahlen waren bei den Römern verpönt, so wie bei uns manchmal heute noch die Zahl „13“ mit abergläubischer Zurückhaltung betrachtet wird. Ein Monat von 30 Tagen hätte nichts Gutes verheißen. Solche Monate durfte es nicht geben.

In jedem Monat gab es drei feste Daten: der 1. Tag des Monats die kalendae, den 5. oder 7. Tag des Monats, die nonae, und den 13. oder 15. des Monats, die idus. Die Idus sollte der Tag des Vollmondes sein. Zur Datumsbestimmung zählten die Römer von diesen Daten rückwärts. Zum Beispiel ist der 26. Januar der ante diem quintum Kalendas Februarias [a.d.V.Kal.Febr.], der 5. Tag vor dem Februarbeginn. Die Grenztage wurden mitgezählt. Eine etwas umständliche Datumsbestimmung, wie wir meinen.

Die Schaltjahrregelungen in einem Lunisolarkalender konnten vom normalen römischen Bürger nicht so leicht durchschaut werden. Ob in einem Monat ein Schalttag oder in einem Jahr ein gar ein ganzer Monat eingeschoben werden musste, oblag den pontifices, den römischen Priestern. Sie kamen ihrem Auftrag zur ständigen Anpassung des Kalenders an die astronomischen Gegebenheiten aber nur sehr unvollkommen nach, so dass man in der Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus von einem Chaos im römischen Kalender sprechen darf. Voltaire spottet darüber mit folgenden Worten: „Die römischen Feldherren siegten immer, aber sie wussten niemals, an welchem Tag.“ Dieses Chaos ging jeden Bürger an und machte eine ordentliche Verwaltung sehr schwer. Wer hier Ordnung schaffen konnte, würde sich im ganzen Reich einen Namen machen.

Gaius Julius Caesar war dieser Mann. Er hatte gerade seinen Rivalen um die Macht, Pompeius, besiegt, nachdem er vorher in Ägypten Cleopatra näher kennengelernt und als Königin eingesetzt hatte. Er hatte dort einen gut funktionierenden, reinen Sonnenkalender kennengelernt, dessen Urheber ein Mathematiker und Astronom aus Alexandria war, Sosigenes mit Namen. Es ist das Jahr 46 v. Christus. Caesar feiert in Rom Triumpfe und wird zum Diktator auf 10 Jahre ernannt und zum praefector moribus, also zuständig für Kultur, Sitte und Moral. Noch im selben Jahr beendet er das Durcheinander des Kalenders durch die Einführung eines reformierten Kalenders, den später sogenannten Julianischen Kalender.

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Julianischer Kalender

Reformieren heißt hier wirklich und tatsächlich "verbessern und neugestalten“ und - nicht wie heute im politischen Jargon üblich – lediglich "ändern" oder "etwas anders machen". Eine Neugestaltung des Kalenders war es deshalb, weil der aktuelle Lunisolarkalender mit seinen komplizierten und nicht ganz zu durchschauenden Schaltungen durch einen reinen Sonnenkalender ersetzt wurde, der durch die Einfachheit und Klarheit seiner Regeln überzeugte.


Der Julianische Kalender
  • Gaius Julius Caesar,
    Sosigenes aus Alexandria, 46 v. Chr.
  • 365,25 Tage als Tageslänge zugrundegelegt
    (11 Minuten zu lang)
  • Jahr mit 365 Tagen
  • Alle 4 Jahre ein Schaltjahr mit 366 Tagen
    (Februar hat dann 29 Tage)
  • Schalttag hinter dem 23. Februar
    (dies intercalaris, dies bissextus)
  • Jahreszählung ab Gründung Roms 753 v. Chr.
    (ab urbe condita, a.u.c.)
  • Frühlingsanfang am 25. März
  • Der Neumond nach der Wintersonnenwende ist der
    1. Januar 707 Jahr a.u.c. (45 v. Chr)


Julianische Monate
Ianuarius
Februarius
Martius
Aprilis
Maius
Iunius
Iulius
Augustus
September
October
November
December
                blue arrow
 
 
 31  [29]
 28
 31
 30
 31
 30
 31  [Quintilis]
 31  [Sextilis, 30]
 30
 31
 30
 31
365 Tage

Der von Caesar aus Ägypten mitgebrachte Sosigenes korrigierte zunächst den Kalenderanfang des Jahres im Sonnenumlauf der Erde, indem er das Jahr 46. v. Chr. mit 15 Monaten zu insgesamt 445 Tagen ansetzte. Dadurch kam der Anfang des Kalenderjahres, der inzwischen in den Herbst zurückgeglitten war, wieder in die Nähe der Wintersonnenwende zu liegen. Die Römer nannten dieses lange Jahr das annus confusionis.
Des weiteren setzte Sosigenes die Jahreslänge zu 365 ¼ Tage an.
Wir wollen jedoch festhalten, dass die 11 Minuten, die das neue mittlere Kalenderjahr länger war als das astronomische, dann nicht zu vernachlässigen sind, wenn ein Zeitraum von vielen Jahrhunderten verstreicht. Dann addieren sich die Minuten zu vielen Tagen. Wir werden im Zusammenhang des Gregorianischen Kalenders wieder auf diese 11 Minuten zurückkommen.

Die alten römischen Monate wurden im wesentlichen beibehalten. Aber es gibt jetzt auch Monate von 30 Tagen. Drei Änderungen sind zu erwähnen, die Monate Februarius, Quintilis und Sextilis betreffend.

  1. Nach Caesars Tod wurde der Quintilis zu Ehren Caesars in Julius umbenannt, da Caesar im Quintilis geboren wurde.
  2. Der Monat Sextilis wurde nach seinem Adoptivsohn und Nachfolger Gaius Octavianus Augustus in Augustus umbenannt, weil der im Monat Sextilis gestorben war.
  3. Der römische Senat hielt es aber nicht für "politisch korrekt", wenn Caesars Monat 31 Tage, der des Augustus aber nur 30 Tage lang war. Deshalb wurde dem Februar 1 Tag genommen, der dem August zugeschlagen wurde.

Die eckigen Klammern am rechten Rand der Monatsaufstellung zeigen die ursprünglichen Verhältnisse. Übrigens wurde das umständliche Datierungsverfahren innerhalb eines Monats beibehalten. In den Monaten März, Mai, Juli, Oktober fielen die Iden auf den 15. des Monats, die Nonen auf den 7.. In den übrigen Monaten fielen sie auf den 13., bzw. auf den 5. des Monats. Aber dies berührt ja nicht die Konstruktionsprinzipien des Kalenders, sondern nur die Benennung der Monatstage.

Um die mittlere Jahreslänge von 365¼ Tagen zu erreichen, wurde alle 4 Jahre ein Schaltjahr von 366 Tagen begangen. Im Schaltjahr hatte der Februar 29 Tage. Der Schalttag wurde hinter dem 23. Februar eingefügt. Der Schalttag hatte den Namen dies intercalaris oder dies bissextus.
Letztere Bezeichnung übersetzt mit „der zweifache sechste Tag“ rührt von der bereits erwähnten merkwürdigen Rückwärtszählung der Tage her. Der Schalttag ist der „6. Tag vor dem 1. März“, und den gibt es im Schaltjahr eben zweimal.
Lediglich zur Vollständigkeit sei angeführt: Die Jahreszählung beginnt weiterhin mit der Gründung Roms ab urbe condita, der Frühlingsanfang wurde auf den 25. März festgesetzt und der Jahresbeginn 707 ab urbe condita (45 v. Chr.) wurde auf den Neumond nach der Wintersonnenwende des Jahres 706 ab urbe condita gelegt.

In vollem Umfang trat die Kalenderreform allerdings erst Jahrzehnte später in Kraft. Die römischen Beamten und pontifices hatten nämlich die Schaltjahrregelung nicht richtig verstanden oder angewendet, so dass fast 30 Jahre lang jedes 3. Jahr ein Schaltjahr war. Kaiser Augustus korrigierte diesen Fehler seiner Beamten durch eine entsprechende Anordnung. Das Jahr 8 n. Chr. war erstmals ein regelgerechtes Schaltjahr.
Dieser Julianische Kalender war bis zur Kalenderreform von Papst Gregor XIII. im Jahre 1582 in ganz Europa gültig.
Eine einschränkende Bemerkung muss zu dem Jahresbeginn gemacht werden, also zu der Erhöhung der Jahreszahl um eine Einheit.
Der Jahresbeginn war im Mittelalter und auch noch in der Renaissance keinesfalls immer und überall am 1. Januar, dem sog. Circumcisionsstil. Der Name leitet sich ab von dem kirchlichen Fest, das am 1. Januar gefeiert wurde, und das war die Beschneidung Jesu.

Es gab Jahresanfänge zu Ostern oder zu Weihnachten oder zum Fest Mariä Verkündigung (annuntiatio) am 25. März. Mit diesem Fest wird der beginnenden Schwangerschaft Mariens - pünktlich 9 Monate vor Weihnachten - gedacht. Dieser Annuntiationsstil galt zum Beispiel im Erzbistum Trier von 1137 bis 1648. Er heißt deshalb auch auch der mos oder stilus Trevirensis.

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Gregorianischer Kalender

Was waren die Gründe, den im gesamten Abendland benutzten Julianischen Kalender nach mehr als 1500 Jahren reformieren zu müssen? Um zu verstehen, warum der Papst es als seine Aufgabe ansah, sich mit dem Kalender zu befassen, müssen wir kurz bis fast zum Beginn unserer Zeitrechnung zurückblicken. Für die Christen ist Ostern, die Auferstehung Jesu von den Toten, das höchste Fest.
Die Kreuzigung Jesu geschah an einem 13. des jüdischen Monats Nissan, einen Tag vor dem jüdischen Pessachfest. Dieses Datum ist im jüdischen Kalender immer 1 Tag vor dem 1. Frühlingsvollmond. Nach dem Bericht der Bibel fiel die Kreuzigung auf einen Freitag. Folglich war die Auferstehung 2 Tage später an einem, wie es in der Bibel heißt „ersten Wochentag“ des jüdischen Kalenders, den wir heute Sonntag nennen. Da Pessach auf jeden Wochentag fallen kann, gab es viel Streit in den ersten beiden Jahrhunderten über die Frage: Wann soll Ostern gefeiert werden? Am ersten Sonntag nach Pessach, oder einen Tag nach Pessach?

Das Konzil von Nicäa im Jahre 325 sollte unter anderem auch diese Frage klären. Sie erinnern sich, dass das julianische Kalenderjahr um 11 Minuten zu lang ist. In den fast 400 Jahren bis zu diesem Konzil hatten sich diese Abweichungen auf fast 3 Tage aufsummiert, so dass der Frühlingsanfang auf den 21. März vorgerückt war. Ob den Konzilsvätern bewusst war, was hier falsch war, ist heute nicht mehr zu sagen. Jedenfalls setzten sie den Frühlingsanfang auf den 21. März fest, was eine sehr gute Festsetzung war. Und jetzt kommt für unser Thema das Entscheidende: Ostern sollte künftig auf den Sonntag fallen, der dem 14. Nissan, das ist der 1. Frühlingsvollmond, folgt.(Nicäa 327 n. Chr) Mit dieser Regelung setzte sich das Konzil endgültig von der jüdischen Praxis ab, in der ja das Pessachfest auf jeden Wochentag fallen konnte. Gleichzeitig wollte das Konzil aber doch Ostern mit den Wurzeln, eben dem jüdischen Pessachfest, verbunden wissen.
Damit ist das Datum des höchsten Festes der Christenheit an ein astronomisches Ereignis, nämlich den Frühlingsvollmond, gekoppelt.

Wegen der nun schon mehrmals genannten Ungenauigkeit des julianischen Kalenders musste sich in der Folgezeit der kalendarische Frühling immer mehr in Richtung Sommer verschieben. Der „gemeinte Frühlingsanfang“ gemäß Kalender wurde gefeiert, obwohl er astronomisch schon längst vorbei war. Im Jahre 1582 betrug die Verschiebung 10 Tage, bezogen auf das Jahr 325, das Jahr des Konzils von Nicäa. Ein universeller Gelehrter und Schriftsteller im 11. Jh., Hermann der Lahme, berichtet, dass selbst den Bauern die Mängel der kirchlichen Berechnung der Mondwechsel auffielen. Um es auf den Punkt zu bringen:
Ostern, das höchste Fest der Christenheit, wurde am falschen Tag gefeiert.
Und wer hinreichend kundig war, konnte das mit eigenen Augen sehen. Ein nicht unerheblicher Glaubwürdigkeits- und Autoritätsverlust für die Kirche!

Seit 400 Jahre hatten sich sich viele erlauchte Geister mit einer Kalenderreform beschäftigt.(Roger Bacon, König Alfons X. von Kastilien, Nikolaus Cusanus, der große Kardinal von Kues a. d. Mosel und Kopernikus) sowie die Konzilien von Konstanz (1414-18) und Basel (1431-37), das 5. Laterankonzil (1512-17) und das Konzil von Trient (1545-63). Jetzt im Jahre 1582 sollte das Problem der „Osterfestverschiebung“ gelöst werden.
Papst Gregor XIII. hatte eine Kommission eingesetzt, die einen Rohentwurf für einen neuen Kalender in einem Compendium zusammengefasst hatte. Das Compendium wurde allen christlichen Königen und Fürsten, Bischöfen und allen namhaften Universitäten zur Stellungsnahme und Begutachtung zugesandt. Die Reaktionen waren wie zu vermuten: katholische Fürsten waren dafür, die protestantischen dagegen. Aber auch einigen Bischöfen erschien die Reform als zu revolutionierend und einige Universitäten meldeten wissenschaftliche Bedenken an.
Der Papst musste also entscheiden. Er beauftragte den aus Bamberg stammenden Christoph Clavius, mit bürgerlichem Namen „Clau“, ein Jesuit, Professor für Mathematik und Astronomie in Rom, mit der eigentlichen Durchführung der Kalenderreform. Man könnte sagen: Er wurde verantwortlicher Projektleiter.

Für die Länge eines Sonnenjahres nahm er den von ihm selbst ermittelten Wert von 365,2425 an (exakt: 365,2422). Das ist lediglich 26 Sekunden zu lang! Man vergleiche dagegen die 11 Minuten des julianischen Kalenders. Nun konnte der Papst in seiner Bulle Inter gravissimas vom 24. Februar 1582 die Reform des Kalenders und damit die neue Osterfestrechnung einführen. Die Bulle beginnt mit dem Satz:
Zu den höchsten seelsorgerischen Pflichten unseres Amtes gehört auch jene - und sie ist nicht die geringste - , wie sie dem apostolischen Stuhl vom heiligen Tridentinischen Konzil übertragen wurde, um sie mit Gottes Hilfe zum erwünschten Ziele hinzuführen.
Die Pflicht, „die nicht die geringste ist“, meint die Duchführung der Kalenderreform.


Zum Gregorianischen Kalender
  • Ostertermin (nach dem Konzil von Nicäa) zweifelhaft, Frühligsanfang offenbar falsch
  • Julianisches Jahr von 365,25 Tagen ist 11,23 Minuten zu lang (seit Nicäa 10 Tage!)
  • Notwendigkeit der Kalenderreform seit 400 Jahren erkannt (vier Konzilien!)
  • Papst Gregor XIII., Bulle "Inter gravissimas" vom 24. Februar 1582
  • Festsetzung des Frühlingsbeginns (Tag- und Nachtgleiche): 21. März
  • Verbesserte Jahreslänge: 365,2425 (365,25), nur 26 Sekunden zu lang
  • Schaltjahrregelung des Julianischen Kalenders beibehalten,
    aber in 400 Jahren fallen 3 Schalttage aus:
    1600  1700  1800  1900  2000  2100  2200  2300  2400
  • Auf Donnerstag, den 4.10.1582, folgt sofort Freitag, der 15.10.1582
  • Einführung: Italien, Spanien, Portugal sofort
    kath. Deutschland 1583, protestant. Deutschland 1700, sonstige Länder 1700 - 1918
    Endgültige Einführung in Deutschland durch kaiserliches Dekret am 5.6.1776

Auf den weiteren materiellen Inhalt der Reform brauche ich hier nicht weiter einzugehen: Es ist ja unser Kalender, den ich als bekannt voraussetzen darf.
Auf die geänderte Schaltjahrregelung sollte aber hingewiesen werden: In 400 Jahren fallen 3 Schalttage aus und damit werden die berühmten 11 Minuten, die das Julianische Jahr zu lang ist, fast vollständig ausgeglichen.
Um den neuen Kalender wieder mit den astronomischen Gegebenheiten zu synchronisieren, d.h. die Verspätung von 10 Tagen zu korrigieren, mussten einmalig 10 Kalendertage ausfallen. Dafür hatte der Papst die beiden ersten Oktoberwochen als entbehrlich bestimmt, weil es in diesem Zeitraum keine wichtigen kirchlichen Fest- oder Feiertage gab, sprich betroffene Namenstage. Bis auf den hl. Bruno, den Gründer des Kartäuserordens, wurde in den 10 ausgefallenen Tagen keines wichtigen Heiligen gedacht. Und die Kartäuser, ohnehin durch Gelübde zum Schweigen verflichtet, würden nicht protestieren. Die Einführung sollte so geschehen, dass auf Donnerstag, den 4. Oktober 1582, dem letzten Tag des Julianischen Kalenders, der nachfolgende Freitag die Bezeichnung „15. Oktober“ tragen sollte. Soweit das geplante Prozedere des übergangs vom alten zum neuen Kalender. Mit der Ankündigung im Februar formierten sich zunächst alle möglichen Bedenkenträger. Hören wir die Einwände:

  • Die Menschen verlieren 10 Tage ihres Lebens!
  • Die Miete für den ganzen Monat ist fällig, obwohl 10 Tage fehlen.
  • Kredite müssen 10 Tage früher zurückgezahlt werden.
  • Die Ernte würde verlorengehen, weil die Samen nicht wüssten, wann sie aufgehen sollten.
  • Die Vögel würden nicht wissen, an welchem Tag sie in den Süden aufbrechen sollten.
  • Der Papst selbst sei unschuldig, er sei nur schlecht beraten, vor allem durch diesen deutschen
    Mathematiker Clavius (Das ist der latinisierte Name 'Clau' des Projektleiters).
    Dieser Deutsche sei nämlich ein Diener des Teufels, weil er mit Zahlen und Pentagrammen schwarze Magie betreibe.
    Denn sein Name Clavius laute rückwärts gelesen Suivalc und das ist einer der 666 geheimen Namen des Satans.

All diese Bedenken und Einwände konnten den Papst aber nicht beeindrucken, auch nicht die Sonnenfinsternis, die am 7. Januar 1582 in Bologna, dem Geburtsort des Papstes, als schlimmes Omen betrachtet wurde und das man so auslegte: Der alte Kalender solle unangetastet bleiben. Doch ein Einwand beeindruckte den Papst:
Die privaten Gedenk- und Geburtstage sowie alle öffentlichen Feiertage, die in die Zeit vom 5.- 14. Oktober fielen, würden in diesem Jahr ausfallen.
Wer diesen Aspekt so in der öffentlichen Wahrnehmung herausstellte, dass der Papst ihn berücksichtigen musste, wissen wir nicht – vielleicht waren es die Kaufleute, Einzelhändler, Gastwirte und Hoteliers. Jedenfalls schien es dem Papst im Hinblick auf eine reibungslose Einführung des Kalenders opportun zu sein, die öffentliche Meinung in diesem Punkte zu berücksichtigen, und er erließ zu seiner Bulle vom Februar 1582 am 7. September einen Nachtrag.



GREGORIUS PAPA XIII
Pro festivitatibus intermissis

Nur unsere Sorge um ihre ewige Erlösung übertrifft für uns als Apostolischen Vater die Sorge um das rechtmäßige und angemessene irdische Wohl der Gläubigen. Da Jahrestage, Feiern und staatsbürgerliche Feste Anlässe für die schickliche Erfreuung und Erquickung des Geistes sind, widerspricht es unserem Willen, dass solche Feiern als Konsequenz der Kalenderreform, die der Heilige Stuhl am 24. Februar des Jahres 1582 proklamiert hat, unterlassen werden. Daher ordnen wir an, dass alle Festtage, die gewöhnlich zwischen dem 5. und dem 15. Oktober stattfinden – an den Tagen also, die nach dem neuen Kalender im Jahr 1582 ausfallen – an jenen Tagen gefeiert werden, auf die sie nach dem alten Kalender fallen würden. Alle Jahrestage et cetera, die gewöhnlich am 15. Oktober oder später stattfinden, sind nach dem neuen Kalender zu begehen.

Beispiel: Ein Festtag, der im Julianischen Kalender am 5. Oktober war, wird im Jahre 1582 am 15. Oktober des neuen Kalenders gefeiert, und so fort, bis zu einem Festtag des 14. Oktober im alten Kalender, der jetzt am 24. Oktober des neuen Kalenders gefeiert wird.

Zweifellos eine elegante und einfache übergangsregelung, die alle zufriedenstellt. Nun stand der Einführung des Kalenders „neuen Stils“, wie er genannt wurde, nichts mehr im Wege. Doch die tatsächliche Einführung des Kalenders erstreckte sich über mehr als 200 Jahre.
Die katholischen Länder Italien, Spanien und Portugal führten den neuen Kalender wie geplant zum 15. Oktober ein. Wegen der besonderen Verhältnisse im Hl. Römischen Reich deutscher Nation, d.h. die Zersplitterung in Hunderte von Kleinstaaten katholischer oder evangelischer Religion, waren in Deutschland bis 1700, also 120 Jahre lang, beide Kalender im Gebrauch, denn das katholische Deutschland hatte den neuen Kalender 1583 eingeführt, während das protestantische Deutschland dies mit Einschränkungen bzgl. der Terminierung des Osterfestes im Jahre 1700 tat.
In dieser langen Zeit des übergangs wurden beide Kalender nebeneinander benutzt. In den Urkunden wird dann meist das Datum als Bruch geschrieben, mit dem Datum des neuen Stils als Nenner, doch handhabten es katholische Kanzleien des 17. Jahrhunderts auch umgekehrt.

In der Zeit des übergangs bezeichnete man oft den gewählten Stil durch einen Zusatz: stilo vetere oder stilo antiquo des alten Kalenders und stilo novo, reformato, Gregoriano, novi calendarii für den neuen Kalender. In Zweifelsfällen muss das Datum der Einführung des neuen Kalenders im Lande des Ausstellers der Urkunde entscheiden. Erst am 5. Juni 1776 wurde in ganz Deutschland der Kalender durch kaiserliches Dekret verbindlich. Die Niederlande hatten den neuen Kalender 1710 und die britischen Kolonien in Nordamerika 1752 eingeführt. Graubünden führte den neuen Kalender im Jahre 1811 ein, Russland im Jahre 1918 und die Türkei im Jahre 1927.

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Kalender der Französischen Revolution

Kalender dienen vornehmlich einem praktischen Zweck, nämlich der Ordnung und der Einteilung der Zeit. Mehr oder weniger ist jeder Mensch tagtäglich mit ihm befasst. Der Kalender kann deshalb hervorragend zur Bewusstseinsänderung der Massen und zur politisch-ideologischen Umerziehung des Volkes eingesetzt werden. Um dies zu verdeutlichen, schauen wir uns nun zum Schluss den Französischen Revolutionskalender an.
Wenn wir von der großen Französischen Revolution von 1789 sprechen, denken wir primär an die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen, die das Ende der Feudalzeit nicht nur in Frankreich, sondern auch in ganz Europa einleiteten.

Aber diese Revolution war nicht nur ein politisches Ereignis, sondern auch der Kulminationspunkt der Aufklärung, des Zeitalters der Vernunft und der aufblühenden Naturwissenschaften und eines allgemeinen Fortschrittsglaubens. Alles Irrationale und vermeintlich Unvernüftige, meist lediglich tradiert, wie z. B. die christliche Tradition als Grundlage der bestehenden Kultur, sollte ausgelöscht werden. Nur was im Lichte der Göttin der Vernunft bestehen konnte, war es Wert, bewahrt zu werden.

Wie aber kann dieses Ziel erreicht werden, wenn die Menschen tagtäglich in Gestalt des Kalenders an die vorrevolutionäre Zeit erinnert werden - durch einen Kalender mit seinen unverständlichen Festen und seinen völlig konterrevolutionären Heiligengestalten?
Die Einführung eines neuen Kalenders war somit politisch nur konsequent. Eine sachliche Notwendigkeit gab es nicht, da Frankreich seit 1583 den Gregorianischen Kalender eingeführt hatte. Aber die Französische Nationalversammlung beschloss am 26. März 1791 das gesamte Maßsystem auf dezimaler Grundlage neu zu ordnen. Darunter fiel die sinnvolle und notwendige Festsetzung eines einheitlichen Längen- und Gewichtsmaßes, nämlich des Meters und des Kilogramms. Und in diesem Zusammenhang wurde auch die Einführung eines neuen Kalenders beschlossen.


Französischer Revolutionskalender
  • Einführung am 5.10.1793
    rückwirkend zum 22.9.1792 (Ausrufung der Republik)
    1.1.1 des neuen Kalenders war der 22.9.1792
  • Das Jahr hat 365 Tage
  • Schaltjahre: 3, 7, 11, 15
  • Jahr mit 12 Monaten zu je 30 Tagen
  • Monat in 3 Dekaden zu je 10 Tagen
    Primidi, Duodi, Tridi, Quartidi, Quintidi
    Sextidi, Septidi, Octidi, Nonidi, Décadi
  • Am Ende eines Jahres 5 (6) Feiertage:
    (Sansculottides, später: Jours Complémentaires)
    1. Jour de la Vertu (Tugend)2. Jour du Génie (Geist)
    3. Jour du Tavail (Arbeit)4. Jour de l' Opinion (Meinung)
    5. Jour des Récompenses (Belohnung)
    [6. Jour de la Révolution (Revolution)] (nur im Schaltjahr)
  • Rückbau des Kalenders (Dekaden) am 8.4.1802
    Ab 1.1.1806 wieder Gregorianischer Kalender

    Monate des

1 Vendémiaire
2 Brumaire
3 Frimaire
4 Nivôse
5 Pluviôse
6 Ventôse
7 Germinal
8 Floréal
9 Prairial
10 Messidor
11 Thermidor
12 Fructidor

Franz. Revolut.-Kal.

09/10  Weinlesemonat
10/11  Nebelmonat
11/12  Reifmonat
12/01  Schneemonat
01/02  Regenmonat
02/03  Windmonat
03/04  Keimmonat
04/05  Blüenmonat
05/06  Wiesenmonat
06/07  Erntemonat
07/08  Hitzemonat
08/09  Fruchtmonat

Er wurde am 5. Oktober 1793 rückwirkend zum 22. September 1792 eingeführt. Dieser Tag war auch der erste Tag der neuen ära, denn an diesem Tag wurde die Republik ausgerufen. Einen Tag vorher war Ludwig XVI. abgesetzt worden. Es war der Beginn des Jahres 1 der Republik.
Das Jahr hatte 365 Tage. Jedes 4. Jahr war ein Schaltjahr mit 366 Tagen. Eingeteilt war das Jahr in 12 Monate zu je 30 Tagen. Der Monat zerfiel in 3 Dekaden zu je 10 Tagen. Die einzelnen Tage der Dekade waren:
Primidi, Duodi, Tridi, Quartidi, Quintidi, Sextidi, Septidi, bis Octidi, Nonidi, Décadi.
Am Ende eines Jahres kamen dazu noch 5 Ergänzungstage, bzw. in einem Schaltjahr 6, die ohne Monats- und Wochenzählung blieben und Feiertage waren. Diese Ergänzungstage hießen am Anfang „sansculottides“, abgeleitet von den sans-culottes. Das war die Bezeichnung für die Linksradikalen der Revolution. Die Feiertage hatten alle schöne Bezeichnungen: Tag der Tugend, Tag des Geistes, Tag der Arbeit, Tag der Meinungsfreiheit, Tag der Belohnungen, [Tag der Revolution]. Die Monatsnamen wurden streng aus den Jahreszeiten abgeleitet.

Französ. MonatsnameIm Gregorian. Kal.Nameserläuterung
  1 Vendémiaire22. Sept. - 21.Okt.Weinlesemonat
  2 Brumaire22. Okt. - 20. Nov.Nebelmonat
  3 Frimaire21. Nov. - 20. Dez.Reifmonat
  4 Nivôse21. Dez. - 19. Jan.Schneemonat
  5 Pluviôse20. Jan. - 18. Febr.Regenmonat
  6 Ventôse19. Jan. - 20. MärzWindmonat
  7 Germinal21. März - 19. AprilKeimmonat
  8 Floréal20. April - 19. MaiBlütenmonat
  9 Prairial20. Mai - 18. JuniWiesenmonat
10 Messidor19. Juni - 18. JuliErntemonat
11 Thermidor19. Juli - 17. Aug.Hitzemonat
12 Fructidor18. Aug. - 16. Sept.Fruchtmonat

Zur Zeiteinteilung gehört neben dem Kalender auch die Einteilung des Tages. Der Tag wurde in 10 Stunden, die Stunde wieder in 10 Teile geteilt, usw. Die Bevölkerung leistete jedoch gegen diese neue Zeiteinteilung passiven Widerstand. Sie sah keine Notwendigkeit einer Änderung, da ja alle Welt den 24-Stundentag mit je 60 Minuten und 60 Sekunden einheitlich benutzte, sehr im Gegensatz zur verwirrenden Vielfalt in den damaligen Längen- und Gewichtsmaßen. Aber ausschlaggebend für die mangelnde Akzeptanz war ein handwerklicher Fehler des Gesetzgebers. Denn die Einführung der neuen Zeiteinteilung geschah so hastig, dass die Uhrmacher nicht termingerecht die Uhren nach der neuen dezimalen Tageseinteilung herzustellen vermochten, was wiederum rückwirkend den Unmut der Bevölkerung verstärkte.
Mit der Ablehnung der neuen Tageseinteilung war der Einstieg in den Ausstieg aus dem neuen Kalender eingeleitet.
1802 wurde auch die Dekadeneinteilung der Monate abgeschafft, bevor Napoleon mit Wirkung vom 1. Januar 1806 den Gregorianischen Kalender wieder einführte.

Napoleon hatte sich etwas mehr als ein Jahr vorher, im Dezember 1804, in Paris unter Anwesenheit des Papstes selbst zum Kaiser der Franzosen gekrönt. Jetzt war der bestehende Kalender schon wieder überholt und störte, weil er täglich an die Revolution und an die kurze Zeit der Republik erinnerte.
Im linksrheinischen Teil Deutschlands, das von französischen Truppen seit 1795 besetzt war und das im Frieden von Campo Formio 1797 verwaltungsmäßig französisch wurde, galt der Französische Revolutionskalender ab 1797.
Mit der Darstellung des Französischen Revolutionskalenders und seines politisch-sozialpädagogischen Potentials möchte ich den Gang durch die Kulturgeschichte unseres Kalenders abschließen.

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Reform des Gregorianischen Kalenders?

Zum Schluss meiner Ausführungen zum gregorianischen Kalender noch die Frage:
Brauchen wir irgendwann eine Reform des Gregorianischen Kalenders?



Genauigkeit des Gregorian. Kalenders

400 tropische Jahre:400 x 365,2422 Tage= 146096,88 Tage
400 gregorian Jahre:400 x 365,2425 Tage= 146097,00 Tage
400 Jahre des Gregorianischen Kalenders sind 0,12 Tage zu lang.

Erst in 3332 Jahren nach Einführung des Gregorianischen Kalenders beträgt
die Abweichung vom Sonnenjahr 1 Tag.



Schwächen des Gregorianischen Kalenders

Der Gregorianische Kalender ist dem tatsächlichen jährlichen Sonnenumlauf erstaunlich gut angepasst. Wenn man die Abweichungen zum tropischen Jahr berechnet, so erhalten wir das beruhigende Ergebnis, dass die Abweichung vom tropischen Jahr, d.h. von einer Frühlings-Tag- und Nachtgleiche zur nächsten, 3.332 Jahre nach Einführung des Gregorianischen Kalenders erst einen Tag beträgt. Hiernach können wir uns bis weit in die Mitte des 5. Jahrtausends auf unseren Kalender verlassen. Es besteht also kein Handlungsbedarf für eine Kalenderreform – zumindest nicht hinsichtlich der Genauigkeit. Aber neben der Genauigkeit gibt es noch andere Gesichtspunkte, die ich wenigstens kurz ansprechen will.

  • Jahre und Monate beginnen immer mit verschiedenen Wochentagen
  • Die verschiedenen Monatslängen
  • Große Schwankungen des Ostertermins
  • Keine Berücksichtigung der Verlangsamung der Erdrotation (0,0021 s/Jh)

Statistiker und Perfektionisten finden die verschiedenen Monatslängen lästig. Es ist es nicht schön, dass jedes Jahr und jeder Monat mit einem anderen Wochentag beginnt. Auch empfinden manche die lange Zeitspanne von 5 Wochen innerhalb derer das Osterfest fällt als Mangel. Auf die entsprechenden änderungsvorschläge kann ich aus zeitlichen Gründen nicht eingehen. Sie liegen alle seit Jahrzehnten auf Eis. Eine weltweite Akzeptanz über alle Kulturen und Religionen kann nicht erreicht werden, und die Menschheit hat vielleicht auch dringendere Probleme zu lösen.

Als letzte Anmerkung möchte ich auf eine Eigenschaft unserer Erde hinweisen, die grundsätzlich Einfluss auf die Anwendbarkeit eines Kalenders hat, auch wenn sie in ihren Auswirkungen auf das Alltagsleben vernachlässigbar ist: Ich spreche von der Verlangsamung der Erdrotation. Es ist eine Tatsache, dass die Drehung der Erde um ihre Achse zwar nur geringfügig, aber beständig, langsamer wird. Dadurch werden vor dem Hintergrund der Jahrtausende die Tage immer länger. Und da der Tag das Maß des Kalenders ist, muss auch der Kalender in Unordnung geraten. Der Grund für die Verlangsamung der Erdrotation sind die Gezeiten. Die innere Reibung des Meerwassers sowie die Reibung zwischen Meerwasser und den Landmassen bewirkt die Verlangsamung.
In 500 Mio Jahren wird der Tag 27 Stunden dauern.
Es ist also nicht zu befürchten, dass der „homo sapiens sapiens“ den Stillstand der Erde noch erleben wird.[0,0021 s/Jh.].
Zusammengefasst darf festgehalten werden:

Aus naturwissenschaftlicher Sicht kann der Gregorianische Kalender vorzüglich seinen Dienst tun bis weit über das Jahr 4500 hinaus!

Mit dieser positiven und gesicherten Prognose über die zukünftige Anwendbarkeit unseres Kalenders möchte ich meinen Vortrag schließen.

Der Vortrag wurde vom Autor in den Jahren 2000-2012 mehrmals vor Volkshochschulen und Geschichts- und Genealogenvereinen gehalten.