Alexis de Tocqueville

Sein Leben, sein Werk und die Kritik an der Demokratie

Karl Marx lehrte das Absterben des Staates im kommunistischen Paradies. Andere Staatsphilosophen, wie Thomas Hobbes, John Locke und Jean Jacques Rousseau entwickelten eine Theorie zur Entstehung des Staates, um daraus Forderungen für die Rechtsstruktur abzuleiten.

Ich möchte Ihnen einen Schriftsteller vorstellen, der keine großen staatstheoretischen Gedankengebäude errichtete, sondern das, was er beobachtet und erfahren hat, in eine historische Entwicklung einordnete - wobei er mögliche Fehlentwicklungen mit einer schier unglaublichen Klarheit vorhersah. Ich spreche von Alexis de Tocqueville.
Die Einfachheit seiner Gedanken bringt es mit sich, Tocqueville als wenig originell erscheinen zu lassen. Bekanntlich ist aber die klare Erkenntnis der Selbstverständlichkeiten und der verborgenen Zusammenhänge im staatlichen Leben seltener und schwieriger als der kunstvolle Aufbau eines theoretischen sozialen Systems philosophischer Natur. Was Tocqueville beobachtete und beschrieb,  war die reale Demokratie der Vereinigten Staaten von vor fast 200 Jahren und der verschlungene Weg zur Herrschaft des Volkes seines eigenen Landes Frankreich.

Für das Verständnis jedes geisteswissenschaftlichen Werkes ist es hilfreich, wenn man den sozio-kulturellen und historischen Hintergrund der Epoche vor Augen hat. Das gilt erst recht für das Werk eines staatsphilosophischen Schriftstellers. Ich werde deshalb zunächst den politisch-historischen Zeithintergrund im Kontext zur Biographie Tocquevilles mit groben Strichen skizzieren.

Jugendjahre und Ausbildung

Portrait Tocqueville Charles Alexis Henri Maurice Clérel de Tocqueville entstammte einer alten Adelsfamilie in der Normandie, die ihre Ursprünge bis zu Wilhelm, dem normannischen Eroberer Englands im 11. Jahrhundert, zurückführen konnte. Alexis’ Vater heiratete die Enkelin des mutigen Verteidigers Ludwigs XVI. vor dem Revolutionstribunal. Nach der Hinrichtung des Königs, im Januar 1793, wurden Alexis’ Eltern nach Paris gebracht und dort inhaftiert. Nur der Sturz Robespierres am 17. Juli 1794 rettete sie vor der Guillotine. Die Mutter verwand die schweren Erlebnisse der Revolutionszeit nie. Sie war immer kränklich und oft depressiv. Als Alexis  am 29. Juli 1805 geboren wurde, waren die Wirren der Revolution überwunden, Frankreich war jetzt ein Kaiserreich und Napoleon I. überzog Europa mit seinen Kriegen.

Beim Eintritt Alexis’ Vaters in den Staatsdienst war Frankreich wieder eine Monarchie. Seit 1824 regierte jetzt als Nachfolger des Bourbonen Ludwig XVIII. König Karl X.; Napoleon war schon auf  St. Helena in der Verbannung gestorben. Alexis’ Vater wurde Präfekt in verschiedenen französischen Départements, ohne dass ihm jedoch die Familie immer folgte. Alexis verbrachte seine frühe Kindheit in Verneuil-sur-Seine, unweit von Paris. Die Erziehung des jungen Alexis lag in den Händen des Abbé Lesueur, der auch schon Alexis’ Vater erzogen hatte. Während der sechs Jahre, die sein Vater, Graf Hervé de Tocqueville, als Präfekt in Metz verbrachte, absolvierte Alexis das dortige Lyceum. Er besuchte die Schule mit großer Auszeichnung. Ein Ehrenpreis und zwei erste Preise wurden ihm verliehen. Nach dem Schulabschluß widmete er sich dem Studium der Rechte, das er mit zwanzig Jahren abschloß. Nach einer Studienreise, die ihn nach Italien und Sizilien führte, erhielt er seine erste Anstellung  als Richter am Gericht in Versailles. Sein Vater residierte dort schon seit einem Jahr als Präfekt des Département Seine-et-Oise.

Frankreich im Jahre 1830

König Karl X. musste im Juli 1830 nach Barrikadenkämpfen in Paris abdanken. Auf der Grundlage einer neuen Verfassung wurde Louis Philipp I., Herzog von Orléans, zum „König der Franzosen“ proklamiert. Es war der Beginn der goldenen Zeit des Großbürgertums, der Beginn der Industrialisierung und des Kapitalismus in Frankreich. Eine Kurzbeschreibung der Gesellschaft und der Regierung in Tocquevilles Worten: „Die Regierung gleicht einer korrupten Aktiengesellschaft,  die ihre Wähler mit materiellen Vorteilen besticht“.

Und noch kürzer gibt die berühmte Aufforderung des herrschenden „Bürgerkönigs“ den herrschenden Zeitgeist wieder: „Enrichissez-vous“, „Bereichert euch!“ Tocqueville missfiel die ganze gesellschaftliche und politische Entwicklung. Er quittiere jedoch nicht seinen Dienst, sondern verstand es – was für den Sohn des Präfekten von Seine-et-Oise nicht allzu schwierig gewesen sein dürfte – sich von dem neuen Innenminister Urlaub zu erwirken zum Zwecke eines Studiums des Gefängniswesens in den Vereinigten Staaten von Amerika. Im April 1831 schiffte sich Alexis de Tocqueville mit seinem Freunde und Kollegen Gustave de Beaumont nach New York ein. Der Auftrag der Reise war für Tocqueville freilich nur ein Vorwand: In Wahrheit wollte er die einzige voll-demokratische Staatengesellschaft seiner Zeit durch den Augenschein  studieren. Dennoch nahm er seinen Auftrag, das Studium der amerikanischen Strafrechtspflege, sehr ernst. Die Reise nahm ein Jahr in Anspruch. Sie führte die beiden Freunde in die verschiedensten Staaten der Union bis in die damaligen Urwaldgegenden des Michigan-Sees. Die Reise war insgesamt anstrengend, gefährlich und nicht gesundheitsfördernd. Möglicherweise hat sich Alexis de Tocqueville auf dieser Amerikareise ein Lungenleiden zugezogen, das seinen frühen Tod herbeiführte.  1832 kehrten beide nach Frankreich zurück. Zunächst erledigten sie sich ihres offiziellen Auftrages und schrieben das Buch Du Système Pénitentiaire aux États-Unis et de son application en France (Über das Gefängniswesen in den Vereinigten Staaten und seine Bedeutung für Frankreich), und danach verließen beide den Staatsdienst. Alexis begründete sein Entlassungsgesuch mit der resignativen und ironischen Formulierung: „Ich will eine Laufbahn verlassen, in der Leistungen und Gewissenhaftigkeit vor unverdienter Ungnade nicht schützen.“

Abschied aus dem Staatsdienst

Er siedelte in ein bescheidenes Mansardenzimmer nach Paris über und machte sich an die Ausarbeitung des Werkes, das der eigentliche Grund seiner Amerikareise gewesen war. Wir schreiben jetzt das Jahr 1833, und Alexis de Tocqueville ist jetzt 27 Jahre alt. - Schon vor seiner Amerikareise hatte er eine Engländerin kennengelernt, die in Versailles in seiner unmittelbaren Nachbarschaft bei ihrer Tante lebte: Mary Mottley war neun Jahre älter als er, aber er fand in ihr gleichwohl die treue Gefährtin seines Lebens. Obwohl Tocquevilles Familie der ehelichen Verbindung der beiden ernsthaften Widerstand entgegengesetzt zu haben scheint, fand die Vermählung am 26. Oktober 1836 statt. Mary Mottley war weder von bezaubernder Schönheit, noch besaß sie Vermögen. Tocqueville muß in dieser Frau den menschlichen Halt gefunden haben, der für seinen einsamen Lebensweg notwendig war. Die Ehe blieb kinderlos.

Die Demokratie in Amerika

Im Jahre 1835 erschien der erste Band des Amerika-Werkes De la démocratie en Amérique (Die Demokratie in Amerika). Es brachte Alexis de Tocqueville gleichsam über Nacht den Ruhm eines großen europäischen Schriftstellers. Die Académie Française zeichnete 1836 das Buch mit einem Preis von 8000 Francs aus, die Tocqueville zu dieser Zeit gut gebrauchen konnte. Er wurde darüberhinaus zum Mitglied der 'Académie des Sciences morales et politiques' gewählt, und 1841 wurde er einer der vierzig „Unsterblichen“ der Académie Française, nachdem er 1840 nach fünfjähriger Arbeit den zweiten Band seiner "Demokratie in Amerika" herausgebracht hatte. Aber Tocqueville wollte sich nicht allein auf die politische Theorie beschränken, sondern sich auch in der praktischen Politik bewähren. Der Ministerpräsident - übrigens ein Verwandter Tocquevilles - wollte dem jungen soeben zur Berühmtheit gelangten  Staatssoziologen bereitwillig den Weg in die Politik ebnen. Tocqueville wies diese Hilfestellung jedoch mit Entschiedenheit zurück. Er wollte als unabhängiger Abgeordneter ins Parlament gewählt werden. Selbstverständlich unterlag er - allein auf sich gestellt - in der Wahl von 1837. Aber seine Ablehnung der Regierungsunterstützung sicherte ihm zwei Jahre später die Wahl mit einer überwältigenden Mehrheit. Von 1839 bis 1848 war Tocqueville Abgeordneter des Arrondissement de Valognes im Département Manche. Gleichzeitig, nämlich von 1842 bis 1848, war er Mitglied des Conseil Géneral de la Manche. Nie verlor er den Kontakt zu seiner normannischen Heimat. Seine Bauern - so wird überliefert - haben ihn geliebt wie dankbare Kinder den guten Vater. Tocqueville war sicherlich ein hervorragender parlamentarischer Arbeiter, aber keineswegs ein bedeutender politischer Führer. Dieser - so hat er sich in unerbittlicher Selbstanalyse klar gemacht - muss aus anderem Holz geschnitzt sein: Ihm fehlte der unbedingte Machtwille, und er war weder ein hinreißender Redner noch ein glänzender Debattierer. Seine bedeutendste Rede hielt Tocqueville am 29. Januar 1848 - vier Wochen vor Ausbruch der Februarrevolution - in der er vergeblich der französischen Kammer die bevorstehenden revolutionären Ereignisse prophetisch verkündete. Vier Wochen später wurde die Pariser Februarrevolution zum Präludium einer europäischen Bewegung, deren Dynamik bis in unsere Gegenwart nach der von Tocqueville beschriebenen Gesetzlichkeit wirkt.

Mitarbeit an der neuen Verfassung von 1848, Außenminister

Die Wahlen zur neuen Nationalversammlung am 23. April 1848 brachten auch Tocqueville wieder ins Parlament. Nach dem Pariser Juni-Aufstand der Arbeiter desselben Jahres fand sich Tocqueville in der Kommission zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung, die im November dieses Jahres in Kraft trat. Am 13. Mai 1849 fanden die Wahlen zur neuen gesetzgebenden Nationalversammlung statt. Tocqueville wurde wiedergewählt, obwohl viele seiner Freunde ihre Wiederwahl nicht durchzusetzen vermochten. Als Ergebnis der Wahl musste das Kabinett umgebildet werden, und Tocqueville wurde am 2. Juni 1849 Außenminister der französischen Republik. Seine Situation beschreibt er in der Rückschau: „Wir wollten die Republik zum Leben erwecken; der Präsident - der spätere Kaiser Napoleon III. - wollte sie beerben. Wir wollten ihm nur Minister sein, er aber brauchte Spießgesellen.“ Er ging an seine Aufgabe gar nicht theoretisch oder staatsphilosophisch heran, sondern ganz und gar pragmatisch: Zu Botschaftern in den wichtigsten europäischen Hauptstädten ernannte er langvertraute Freunde. Sein politischer Umgang mit Menschen wurde geprägt durch seine 10-jährige Parlamentsarbeit - mit einem Schuß macchiavellischem Zynismus. Zitat: „Mein Geheimnis bestand darin, daß ich ihrer Eigenliebe schmeichelte, während ich gleichzeitig ihre Ansichten überging.“ Die „großen Dinge“, mit denen ihn sein neues Amt konfrontierte, regelte er souverain (Die piemontesische Angelegenheit, die Auseinandersetzung mit der Türkei, und das Problem der 1848er Asylanten in der Schweiz). Auf die Details kann ich hier nicht eingehen. Der türkische Konflikt hätte durchaus zu einem Krieg zwischen Rußland, Österreich gegen die Türkei mit ggfls. Beistand der Türkei durch England und Frankreich eskalieren können. Tocqueville konnte hier beweisen, dass er im Konzert der europäischen Mächte mitzuspielen verstand. Am 31. Oktober 1849 entließ Präsident Louis Napoleon die Regierung und damit auch den Außenminister. Tocqueville bemerkte dazu: „Der Präsident wollte allein regieren und in seinem Ministerium nur Agenten und Kreaturen sehen. Vielleicht hat er recht, wenn er dies will. Ich prüfe die Frage nicht. Aber wir konnten ihm unter diesen Bedingungen nicht dienen.“

Die letzten Jahre

Nach seiner Verabschiedung als Außenminister fühlte sich Tocqueville erschöpft und ausgebrannt und er zog sich ins Privatleben zurück. Er schrieb seine  „Souvenirs", Lebenserinnerungen, mit fast resignativen Analysen seiner Zeit und sarkastischen Bemerkungen über seine Zeitgenossen. Auf seinen Wunsch sollten seine Souvenirs erst lange nach seinem Tode erscheinen. Schwerpunkt seiner Arbeit bis zu seinem Tode war nun sein zweites Hauptwerk L´ancien Régime et la Révolution (Die alte Herrschaftsordnung und die Revolution). Dieses Werk sollte nicht die übliche beschreibende Darstellung von Abläufen und Geschehnissen mit ihren kausalen Verknüpfungen der Ereignisse werden, sondern Tocqueville wollte zeigen, dass die geschichtliche Entwicklung in Europa seit vielen Jahrhunderten durch eine immer stärkere Demokratisierung, verbunden mit einer Schwächung der Aristokratie, geprägt war und dass die Revolution lediglich ein - noch nicht einmal notwendiges - Ereignis in dieser Entwicklung darstellte, die immer noch fortdauere. Fünf Jahre arbeitete Tocqueville an seinem Werk. Er studierte intensiv die Quellen, um seine These stützen zu können. Er besuchte Archive in London und Deutschland - bei der Gelegenheit war er auch in Bonn - und lernte 1855 voller Eifer die deutsche Sprache. Das Buch erschien 1856, und die Aufnahme des Buches war nicht weniger enthusiastisch als vor 20 Jahren sein Werk "Die Demokratie in Amerika". Er plante noch einen Fortsetzungsband. Bevor er aber die Fragmente zu einer einheitlichen Gestalt zusammenfassen konnte, starb er am 16. April 1859 in Cannes, wo er sich eine Besserung seines Lungenleidens versprochen hatte.

Tocquevilles Weltanschauung

Alexis de Tocqueville war seinem innersten Wesen nach noch ganz ein Sohn des Ancien Régime. Er sagt über sich selbst: „Ich habe für die demokratische Institution eine Neigung aus Verstand, aber ich bin Aristokrat aus Instinkt, d.h. ich verachte und ich fürchte die Masse. Ich liebe voller Leidenschaft die Freiheit, das Recht, die Achtung vor den Gesetzen, aber nicht die Demokratie.  Ich stehe für keine Tradition, ich gehöre keiner Partei an, ich stehe für keine Sache außer für die Freiheit und die menschliche Würde.“
Es war also Tocquevilles Vernunft, die ihn den unaufhaltsamen Siegeslauf der Demokratie als unvermeidliches Schicksal erkennen ließ. Die wachsende Bedeutung der Demokratie ist kein Zufall, sondern sie ist das Ergebnis einer langen geschichtlichen Entwicklung, und sie ist zu einer aller menschlichen Vorausschau entgleitenden Tatsache und Macht geworden. Man kann eine natürliche Entwicklung nicht aufhalten, sie aber wohl den Zeitverhältnissen anpassen und versuchen, ihre Auswüchse zu vermeiden und die Wucht und Dynamik so abzufangen, dass der Entwicklungsprozess steuerbar bleibt. In diesem Sinne akzeptiert Tocqueville die Massendemokratie und sucht nach den institutionellen Möglichkeiten, die Nivellierung nicht unter ein bestimmtes Maß sinken zu lassen. Diese Einsicht kommt in einer resignativen Redensart seiner Zeit zum Ausdruck: „La democratie coule à pleins bords.“ (Die Demokratie überrollt alles.)

Was ist der Mensch?

Der Ausgangspunkt allen politischen Philosophierens ist die Frage nach dem Wesen des Menschen. Zitat aus einem Brief an eine Freundin: „Die Menschen sind im allgemeinen weder sehr gut noch sehr schlecht; sie sind mittelmäßig ... Der Mensch mit seinen Lastern, seinen Schwächen, seinen Tugenden, diesem konfusen Gemisch von Gut und Böse, Niedrigem und Hohem, Anständigkeit und Verderbtheit ist doch, nimm alles nur in allem, der würdigste Gegenstand unserer Forschung, unseres Interesses, des Mitleidens, der Hingebung und Bewunderung, welcher sich auf Erden findet; und da es uns an Engeln fehlt, so haben wir nichts Größeres und Würdigeres, mit dem wir uns beschäftigen sollen, als diejenigen, die uns gleichen ...“
Und aus einem anderen Brief: „... Das, was ich den unerfahrbaren Grund nannte, ist das Warum dieser Welt; der Plan dieser uns unbekannten Schöpfung, in der selbst unser Körper, und erst recht unser Geist uns ein Rätsel ist; der Daseinszweck dieses seltsamen Wesens, das wir Mensch nennen; die Frage, warum er genügend geistige Einsicht bekam, um das Elend seiner Beschaffenheit und Lage zu erkennen, nicht aber um sie zu verändern.“ Ein letztes Zitat: “Die Vorsehung hat das Menschengeschlecht weder völlig unabhängig noch völlig versklavt geschaffen. Gewiss zieht sie um jeden Menschen einen schicksalhaften Kreis, aus dem er nicht heraus kann; aber in seinen weiten Grenzen ist der Mensch mächtig und frei.

Freiheit und Gleichheit

Damit ist mit der individuellen menschlichen Freiheit ein zentraler, wenn nicht sogar der zentrale Begriff tocquilleschen Denkens genannt. Die Freiheit hat ihre eigene Anziehungskraft, ihre Reize, abgesehen von den ihr eigenen Wohltaten, und die Freude, unter der einzigen Herrschaft Gottes und der Gesetze ohne Zwang reden, handeln und atmen zu können. Man kann diese stolze Freiheitsluft nicht analysieren, man muß sie fühlen und darauf verzichten, sie mittelmäßigen Seelen verständlich zu machen. Eine genauere Definition seines Freiheitsbegriffs findet sich in Tocquevilles Werk nicht. Aus seinem Gesamtwerk kann aber erschlossen werden, dass für ihn die Freiheit letztlich nichts anderes ist als die Menschenwürde und diese ist im Religiösen verwurzelt. Die Gleichheit der Menschen ist eine Gleichheit der Würde - diese schließt die Gleichheit vor dem Gesetz ein - und nicht eine Gleichheit der naturgegebenen Fähigkeiten oder gar eine Gleichheit im Recht auf materielles Wohlergehen. Wie Menschen, allein durch die Tatsache, Glied einer anonymen Masse zu sein, mehrere Stufen der Zivilisationsleiter hinabgezogen werden, hat Tocqueville selbst erlebt, und im kollektiven Gedächtnis der Familie waren auch noch die Ausschreitungen des Pariser Revolutionsmobs präsent. Der einzelne Mensch ist vielleicht ein gebildetes, kultiviertes Wesen; in der Masse ist er ein Triebwesen, also ein Barbar. Tocqueville verachtete die Massen, ihre leichte Beeinflussbarkeit und ihre sich schnell wandelnden Stimmungen. Und diesen Massen wird aufgrund des allgemeinen Wahlrechts das Wohl des Staates und damit das Gesamtwohl anvertraut?

Das allgemeine Wahlrecht

Tocqueville kannte die Entwicklung des „allgemeinen Wahlrechts“ und wusste, wie das Wahlrecht das Wahlergebnis grundlegend vorbestimmt. So war das Wahlrecht in Frankreich - wie auch schon im alten Athen - an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Eine dieser Voraussetzungen war der Nachweis einer Steuerzahlung über einem festgesetzten Limit, genannt  „Zensus-Wahlrecht“. So wurde selbst die erste Nationalversammlung von 1791 durch Zensus-Wahl der „Aktiv-Bürger“ mit Vermögen gewählt. Die Direktoriumsverfassung von 1795 sah indirekte Zensuswahl vor. Die "Charte constitutionelle“ von 1814 zu Beginn der Restauration der Bourbonen sah auch ein Wahlverfahren für die Deputiertenkammer vor, allerdings mit einem hohen Zensus. Eine Wahlrechtsänderung von 1830 führte u. a. zur Julirevolution, in deren Verlauf Karl X. abdanken und nach England fliehen mußte. Als Ergebnis der Revolution von 1848 wurde in der 2. Republik das "allgemeine Wahlrecht“ für die Nationalversammlung eingeführt. Damit wurde mit einem Schlag ohne jeden vorbereitenden staatspolitischen Erziehungsprozess die Zahl der Wahlberechtigten von 200.000 auf 9 Millionen erhöht. Als mittelbare Folge dieser Verfassungsänderung wurde Louis Napoleon zunächst im Rahmen eines Plebiszits mit 97% der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Anschließend führte er das erbliche Kaisertum ein, mit ihm als erstem „Kaiser der Franzosen durch die Gnade Gottes und den Willen der Nation“. Diese historischen Ereignisse und seine Amerika-Erfahrung stimmten Tocqueville sehr skeptisch hinsichtlich der Frage, ob als Ergebnis allgemeiner Wahlen immer nur die Besten mit der Führung der öffentlichen Angelegenheiten betraut werden oder ob es nicht vielmehr nur ein glückliches und seltenes Ereignis ist. Aus dem Gesetz der Demokratie glaubte er auch die nicht aufzuhaltende Tendenz zur Vergrößerung des potentiellen Wahlvolks erkennen zu können.  Wie weit mittlerweile die reine Erhöhung der Quantität,  ohne dass auch nur das minimalste Urteilsvermögens gefordert wird,  hier bei uns gediehen ist, zeigt zum einen die Zuerkennung des Wahlrechts für Jugendliche, die nicht voll strafmündig sind und für ihr Tun noch nicht die Verantwortung übernehmen können, und zum anderen die Aufrechterhaltung des Wahlrechts für Menschen, die aufgrund psychischer und geistiger Defizite ihr Leben nicht mehr eigenverantwortlich führen können und für die deshalb vom Gericht ein Betreuer eingesetzt wird.
Tocqueville hätte diese pathologische Entwicklung des Wahlrechts wohl resignierend und als systemimmanent zur Kenntnis genommen: Für die öffentlichen Angelegenheiten hat offenbar jeder genügend Urteilsvermögen, auch wenn er die alltäglichsten Dinge seines eigenen Lebens nicht beurteilen kann. Darf man erwarten, dass ein solchermaßen zustandegekommenes Wahlergebnis sich am Gesamtwohl ausrichtet? Die Gefahren des allgemeinen Wahlrechts haben Tocqueville immer vor Augen gestanden. Das allgemeine Wahlrecht ist eine sehr zweischneidige politische Institution. Es muß eingeschränkt werden. Uneingeschränktes Wahlrecht schlägt in Tyrannei um. Ein weiteres Charakteristikum der Demokratie ist die absolut herrschende Tendenz zur Anerkennung der Majorität.

Qualität, Mehrheit, Gleichheit

Tocqueville fragt sich: Mehrere Menschen sollen gescheiter sein als einer und die Zahl der Gesetzgeber besser als ihre Auswahl? Die Grundsätze beruhen auf der Anwendung der Theorie der Gleichheit auf die Intelligenz und das Beurteilungsvermögen. Ist der Majoritätsgedanke einmal eine Tat geworden, die auch in das Bewußtsein der öffentlichen Meinung als Selbstverständlichkeit eingegangen ist, kann nichts mehr ihren Lauf aufhalten. Allgemeine Gleichheit und Nivellierung führen bestenfalls zu einer friedlichen Herrschaft der soliden Mittelmäßigkeit, schlimmstenfalls zu Anarchie oder Despotismus.
Die große Gefahr des heraufkommenden Demokratismus liegt nach Tocqueville darin, dass er zwar die Gleichheit begünstigt, aber die Freiheit unterdrückt. Freiheit und Gleichheit können nicht beide gleichzeitig und im selben Maße vorhanden sein. Die Gleichheit wird immer zu Lasten der Freiheit begünstigt. Freiheit und Demokratie sind für Tocqueville keineswegs identisch.
Der Neid ist gewöhnlich im Gefolge der Demokratie, denn sie umschmeichelt die Leidenschaften der Gleichheit und kann sie doch nie befriedigen. Jeden Augenblick glaubt das Volk, die Gleichheit zu haben, und immer entweicht sie wieder, wenn es zugreifen will. Die Gleichheit entflieht in ewiger Flucht.

Demokratie, Konsumismus, Meinungsfreiheit

Ein weiterer charakteristischer Zug des Demokratismus, speziell der sozialistischen Systeme, ist ein energischer, andauernder, maßloser Appell an des Menschen materielle Leidenschaften,  sprich Lebensstandard und Konsum,“ die - weil unbegrenzt - nie befriedigt werden können. Desweiteren beklagt Tocqueville die Neigung der Demokratie, in der Politik mehr den Gefühlen als langen Überlegungen zu gehorchen und den Augenblicksregungen zu folgen und darüber lange gereifte Pläne fahren zu lassen. Damit geht Hand in Hand eine Instabilität der Gesetzgebung, d.h. sowohl die häufige Änderung bestehender Gesetze als auch die Schaffung immer neuer. Auch diese Unübersichtlichkeit der Gesetze gehört  zur Demokatie, und sie wird sich umso mehr geltend machen, je größer die staatsrechtliche Macht des aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen gesetzgebenden Körpers ist. Schnelligkeit und Flüchtigkeit kennzeichnen dann die rastlose Gesetzesmaschinerie.
Ich sprach schon von Tocquevilles besonderer Beziehung zur Freiheit. Besonders die Presse- und Meinungsfreiheit sieht er ständig bedroht durch die Tyrannei der Mehrheit. Wehe dem Schriftsteller, der es wagt, aus dem von der Majorität abgegrenzten Gedankenkreis herauszutreten: Er hat zwar keine Hinrichtung zu befürchten, aber er ist täglich geistigen Verfolgungen mit all ihren Widerwärtigkeiten ausgeliefert.

Meinungsfreiheit?

Sehr plastisch schildert Tocqueville, wie es einem ergeht, der sich nicht dem Denken der Mehrheit anschließt. „Unter der absoluten Herrschaft eines Einzelnen schlug der Despotismus, um den Geist zu treffen, den Körper - eine grobe Methode. Denn der Geist erhob sich unter den Schlägen und triumphierte über den Despotismus. In den demokratischen Republiken geht die Tyrannei ganz anders zu Werke. Sie kümmert sich nicht um den Körper, sondern geht unmittelbar auf den Geist los. Der Machthaber sagt hier nicht mehr: ‚Du denkst wie ich, oder du stirbst’; er sagt: ‚Du hast die Freiheit, nicht zu denken wie ich. Leben, Vermögen und alles bleibt dir erhalten, aber von dem Tage an bist du ein Fremder unter uns. Du wirst dein Bürgerrecht behalten, aber es wird dir nicht mehr nützen; denn wenn du von deinen Mitbürgern gewählt werden willst, werden sie dir ihre Stimme verweigern, ja selbst, wenn du nur ihre Achtung begehrst, werden sie so tun, als versagten sie sie dir. Du wirst weiter bei den Menschen wohnen, aber deine Rechte auf menschlichen Umgang verlieren. Wenn du dich einem unter deinesgleichen nähern wirst, so wird er dich fliehen wie einen Aussätzigen, und selbst wer im Stillen deiner Meinung ist, wird er dich meiden, sonst meidet man auch ihn. Gehe hin in Frieden, ich lasse Dir das Leben, aber es ist schlimmer als der Tod.’“ Nonkonformität mit der öffentlichen Meinung kann den bürgerlichen Tod bedeuten.

Endstadium: Der Staat als der große Vormund aller

Die größte Gefahr für die Demokratie sieht Tocqueville in der Anarchie und im Despotismus - einem wohlwollenden Despotismus - , der schleichend entsteht, ohne dass das Volk sich dessen bewußt wird. „Über den Bürgern erhebt sich eine gewaltige Vormundschaftsgewalt, die es allein übernimmt, ihr Wohlergehen sicherzustellen und über ihr Schicksal zu wachen. Sie ist absolut, ins einzelne gehend, perfekt, vorausschauend und milde. Sie würde der väterlichen Gewalt gleichen, hätte sie - wie diese - die Vorbereitung der Menschen auf das Mannesalter zum Ziel. Sie sucht aber, im Gegenteil, die Menschen unwiderruflich in der Kindheit festzuhalten. Sie freut sich, wenn es den Bürgern gut geht, vorausgesetzt, dass diese ausschließlich an ihr materielles Wohlergehen denken. Die Vormundschaftsgewalt arbeitet gern für das Glück der Bürger. Aber sie will allein daran arbeiten und allein darüber entscheiden. Sie sorgt für die Sicherheit der Bürger, sieht und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, leitet ihre gewerblichen Unternehmungen, regelt ihre Erbfolge und teilt ihren Nachlaß. Könnte sie den Bürgern nicht vollends die Sorge zu denken abnehmen und die Mühe zu leben?“ Mit dieser beklemmend aktuellen Voraussage von 1840 sind wir in unserer real existierenden Demokratie angekommen.
Demokratie ist nach Tocqueville ein geschichtlicher Prozess, den wir zwar nicht aufhalten können, auf den wir aber Einfluß nehmen können. Die Stoßrichtung könnte uns das folgende Zitat Tocquevilles weisen, mit dem ich auch meinen Vortrag beenden möchte:
„Für die Anhänger der Demokratie handelt es sich nicht so sehr darum, Mittel zu finden, das Volk an die Regierung zu bringen, sondern Mittel zu finden, die es dem Volk gestatten, die für die Regierung Fähigsten zu wählen“.


Der Vortrag wurde am 4. Juni 2007 in der Volkshochschule Siegburg gehalten.